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Site updated Jan. 24, 2010


Marcia Pally

Es gibt ja wunderbare Seiten an Amerika

Die New Yorker Kulturkritikerin Marcia Pally

über Kritik am Krieg und Kritik im Allgemeinen

Feb. 26, 2003

Berliner Zeitung, "Feuilleton"

Wie viel Kritik gibt es in den USA am Kriegskurs der eigenen Regierung? Wie viel Kritik gibt es umgekehrt an der deutschen Haltung? Wir sprachen mit der New Yorker Kulturkritikerin Marcia Pally, die an der New York University und der Fordham University lehrt und für amerikanische wie deutsche Zeitungen schreibt. In ihrem neuen Buch "Lob der Kritik. Warum die Demokratie nicht auf ihren Kern verzichten darf", (352 S., 22 Euro) das im März im Berlin Verlag erscheint, beklagt Pally den Verlust kritischen Denkens in den westlichen Demokratien.

Die deutsch-amerikanischen Beziehungen sind so frostig wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Erleben Sie jetzt Unverständnis in New York, wenn Sie nach Berlin fahren?

Nein, Manhattan ist ja eine Insel vor der amerikanischen Küste und fühlt sich von den politischen Debatten in Deutschland nicht weit entfernt. George W. Bush hat hier bei den Wahlen im Jahr 2000 nur sieben Prozent der Stimmen erhalten. Aber wenn man sich zumindest in New York für die europäische Kritik an der amerikanischen Regierung interessiert, heißt das nicht, dass es nicht auch Meinungsunterschiede gäbe. Denken Sie etwa an das Phänomen der liberalen Falken, die normalerweise Bush ablehnen, aber trotzdem überzeugt sind, dass wir gegen den Irak ziehen sollten, weil Saddam ein Tyrann ist. Vielleicht ist es ein bisschen naiv zu glauben, Bush will den Krieg nur aus diesem Grund. Es gibt aber auch Kritik an der europäischen Diskussion. Viele Intellektuelle empfinden die französische Politik als bigott. Die Franzosen schieben moralische Gründe vor, in Wahrheit sind sie aber vor allem daran interessiert, ihre Öl-Konzessionen zu behalten, die sie im Falle eines amerikanischen Einmarschs verlieren würden.

Sie nennen Manhattan eine Insel. Wie sind denn diese Inseln der liberalen, intellektuellen Diskussion der Irak-Krise mit dem restlichen Amerika verbunden?

Das ist eine wichtige Frage. Es stimmt einfach nicht, dass nur Akademiker oder Intellektuelle gegen Bush oder gegen den Krieg sind. In Wahrheit geht die Kritik gegen die Regierung und ihre Kriegspläne durch die ganze Gesellschaft. Es gibt neben den New Yorker intellektuellen Kriegsgegnern genauso Konservative, die den Krieg ablehnen, weil sie ihn finanziell für unverantwortlich halten. Und dann gibt es sogar die Kritik aus dem Pentagon und dem CIA. Professionelle Militärs befürchten, dass sie am Ende die Schuldigen sind, wenn es Fehlschläge gibt. Sie empfinden Bushs Kriegspläne als Beleidigung ihrer professionellen Integrität. 57 Städte haben Erklärungen gegen den Krieg unterzeichnet, liberale Orte wie Berkeley in Kalifornien, aber ebenso einige sehr konservative Städte im Mittelwesten oder im Süden. Sie halten den Krieg für ein wirtschaftliches Abenteuer und wollen ihre Söhne und Töchter nicht sterben sehen. Außerdem gibt es die Ablehnung des Irak-Kriegs in einer extrem konservativen und isolationistischen Ecke. Den Isolationismus gibt es schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts. In den Ersten Weltkrieg traten wir erst 1917 nach dem Untergang der Lusitania ein, in den Zweiten Weltkrieg erst 1941 nach der Bombardierung von Pearl Harbour. In unserer Mentalität ist diese permanente Spannung zwischen dem Isolationismus und dem amerikanischen Empire eben verwurzelt.

Spielt das Vietnam-Trauma in der Diskussion eine Rolle?

Ich habe Interviews mit normalen Soldaten, männlichen wie weiblichen, gehört, die sagten: Wenn ich in den Krieg ziehen muss, werde ich versuchen, meine Aufgabe so gut wie möglich zu erledigen; ich weiß aber nicht, warum wir gehen. Das alarmiert höhere Offiziere in der Armee, denn wenn Soldaten nicht wissen, warum sie kämpfen, geschieht das Gleiche wie in Vietnam: Verwirrung, Widerstand, ein Mangel an Zielgerichtetheit und Bestimmtheit auf dem Boden.

Riskieren Sie doch mal einen Ausblick, wie es mit dem deutsch-amerikanischen Verhältnis weitergeht.

Ich verstehe die Sorge vieler Deutscher, die sich den USA verbunden fühlen. In der Tat gibt es ja wunderbare Seiten an Amerika. Im 18. Jahrhundert wagte es als erstes Land das wunderbare Experiment der Demokratie und hielt es am Leben, zum Teil durch Glück, zum Teil durch die Anstrengungen einiger außergewöhnlicher Menschen. So hegen die Amerikaner viele Werte, denen ihr euch nahe fühlt, und ich verstehe das. Die Frage ist nur: Was geschieht, wenn man versucht, seinen Freund zu kritisieren? Das ist ein kritischer Moment. Es ist viel einfacher, jemanden zu kritisieren, den man lange für eine Witzfigur hielt. Das Bush-Team, zu dem ja nicht nur George gehört, war ein bisschen überrascht, dass es auf einmal seine Pläne rechtfertigen musste. Eine solche Form des Austauschs zwischen Europa und Amerika wie gegenwärtig hatten wir in der Nachkriegszeit noch nicht. Aber ich bin mir nicht sicher, ob die Differenzen wirklich lange anhalten.

In Ihrem Buch "Lob der Kritik" untersuchen Sie die Entwicklung des kritischen Denkens seit dem 17. Jahrhundert. Sie beobachten, wie sich in den modernen Demokratien das kritische Denken aufzulösen droht. Wie kamen Sie darauf?

Ich habe immer wieder erlebt, dass politische Debatten in ein formales Regelwerk gepresst wurden, das die Lösung der Probleme unmöglich machte, egal worum es ging. Zum Beispiel habe ich mich fünfzehn Jahre lang sehr im Kampf gegen Zensur engagiert. Ich hielt Vorträge, trat im Fernsehen und im Radio auf und nahm an Diskussionen teil. In allen Debatten steckten die Teilnehmer so sehr in ihrem eigenen Rahmen fest, dass die eigentlichen Probleme nie behandelt wurden. Immer gab es eine Art Mentalitätsdebatte, die die Fetische und Emotionen der Leute bediente und ihre Sehnsucht, sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen. Nichts führte zum Kern des Problems.

Gilt das für die USA genauso wie für Europa? In Ihrem Buch machen Sie keinen wesentlichen Unterschied zwischen verschiedenen Ländern.

Die Neigung, das kritische Denken fahren zu lassen, ist ein grenzüberschreitendes Phänomen, und es ist in der gesamten Moderne in allen Demokratien zu beobachten. Schauen wir nach Belgien, nach England, Frankreich, Spanien oder Polen. Für mich sind das alles Beispiele für das eine Phänomen, nämlich die Preisgabe des kritischen Denkens und den Verlust, den der Mensch dadurch erleidet.

Wie ein Manifest liest sich Ihr Buch aber nicht.

Manifeste machen mir Angst. Das sind Paukenschläge, nicht kritisches Denken. Manche im Verlag wollten von mir allerdings viel lieber ein Manifest, wahrscheinlich verkauft sich so etwas besser. Genauso macht mir übrigens Massenpsychologie Angst - auch der Rausch des guten Gefühls auf Antikriegsdemonstrationen.

Warum endet Ihr Buch mit Carl Schmitt?

Für mich bedeutet Schmitts Weltsicht das Ende des unabhängigen Denkens. Es ist eine gefällige Rückkehr zum Stammesdenken und zum Fetischismus. Schmitts Schriften sind von Gewalt besudelt. Für ihn war Gewalt zwischen Männergruppen nichts Schlechtes. So endet mein Buch mit einem Blick auf seinen Köder - auf die Verführungskraft eines Modells, das dem Doppelprojekt des unabhängigen Denkens und der Selbstbestimmung eine ernsthafte Alternative entgegensetzt. Schmitt wird, aus unterschiedlichen Gründen, von Rechten wie von Linken gelesen. Er stellt eine große Versuchung dar. Und auf die wollte ich schauen und Nein sagen. Genauso, wie Schmitt Nein zur Aufklärung gesagt hat.

Mit Marcia Pally sprach Sebastian Preuss.


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© marcia pally, new york 2005